Samstag, 8. Oktober 2011

MILITIA – Power, Production, Propaganda

In den letzten Jahren übten sich MILITIA in Zurückhaltung. Die 2005 veröffentlichte CD "Everything Is One" sollte eine Art Abschluss der Statement-Trilogie darstellen und wirkte im Vergleich zu einigen der vorhergehenden Tonträger geradezu hoffnungsvoll und hell. Vorausgegangen war 2003 das offizielle Mission-Statement "Eco-Anarchic Manifesto", welches neben einem längeren Essay zum Titelthema auch Liveaufnahmen präsentierte. Nach längerer Sendepause erschienen dann 2010 mehrere Compilations, die den Boden für die Veröffentlichung des ersten neuen MILITIA-Albums (und damit den Beginn eines neuen Zyklus) bereiteten. Nun schwimmen MILITIA, was Interesse und Rezeption angeht obenauf. So widmete sich Herr Mikko Aspa in der letzten Ausgabe seiner Hauspostille Special Interests persönlich den Belgiern und hielt gemeinsam mit ihnen gleich mal Rückschau auf das gesamte Werk der Band. Auch live ist die Gruppe extrem umtriebig und spielte dieses Jahr im Rahmen des WGT.

"Power, Production, Propaganda" kommt also wie gerufen. Titel und Artwork des ersten, rein digital produzierten Albums der Gruppe erinnern an den sozialistischen Realismus bzw. an die kommunistische Plakatkunst aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Opener "New Statement" beginnt mit einem für MILITIA typischen Keyboard-Loop, gefolgt von ebenso MILITIA-typischer Metallperkussion. Begleitet wird dies von orientalisch wirkenden Samples und einem Ethno-Gesang, der deutlich auf Kontexte außerhalb des westeuropäischen geprägten Rahmens von Sozialismus / Kommunismus verweist. Inhaltlich passt das dennoch hervorragend, orientiert sich doch der propagierte Öko-Anarchismus auch immer wieder an dem, was im Wissensjargon westeuropäischer Prägung gern als "primitive Völker" bezeichnet wurde. Gegen Ende tritt Herr Gorissen persönlich ans Mikro, um ein paar inhaltliche Schlagworte zum Besten zu geben. Auch Track 2 beginnt mit Ambientflächen, die alsbald perkussiv begleitet werden und über die sich (offenbar gesampleter) Frauengesang legt. Böse Menschen könnten hier an Ofra Hazas "Temple Of Love"-Version denken, alle anderen fühlen sich eventuell an eine weniger komplexe Version von Brian Enos und David Brynes Klassiker "My Life In The Bush Of Ghosts" erinnert. Ja, eigentlich klingt das genau so, zumindest mehr als nach den alten MILITIA. Auch nach dieser Nummer geht es mit Ethnogesängen und langen tranceartigen Perkussionnummern weiter. Zu "The Undeniable Power Of The Proletariat" hört man wieder indigene Gesänge aus der großen Sammlung der Stimmen der Welt, es folgen Keyboardflächen und wuchtige Schläge. So gehen in den besten Momenten des Albums außer-europäische Folklore und das visuelle wie ideologische Vokabular des Sozialismus eine äußerst spannende Symbiose ein. Nach einem kurzen Eingangsstatement hört man Gorissens Stimme erst wieder ab circa der Hälfte der Platte. "The Conquest Of Steel" bietet monotonen Beat und Metallklänge, Marschfragmente flirren ein und aus. Erst mit "Abrupt Climate Change" kehrt ein wenig Ruhe und Atmosphäre ein. Der Song wirkt latent bedrohlich, ist allerdings nichts Besonderes. Der Track "The Final Level" erinnert gegen Ende dann wieder an " Everything Is One" und lässt das Album ausklingen.

MILITIAs erste neue Platte nach der längeren Pause mag kein direkter Klassiker wie "The Black Flag Hoisted" sein, aber die inhaltliche (öko-anarchische) Umarbeitung sozialistisch-kommunistischer Konzepte ist ein ebenso spannender wie hörenswerter Ansatz. "My life in the bush of socialist ghosts" könnte man die Platte nennen. 
Fazit: Ein eher solides Combeback mit einer für die Industrialszene herausragenden konzeptionellen Ebene.

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