Mittwoch, 10. August 2011

Forumsrückblick Juli/August 2011

Ein hemmungslos subjektiver Rückblick von Maik L. (Redaktion)

NONONPOP hat sich inzwischen als Forum etabliert, viele Pläne für die Zukunft sind gemacht. Jetzt ist es an der Zeit auch die redaktionelle Seite auszubauen. NONONPOP wird ab jetzt circa alle 8 Wochen einen Forenrückblick präsentieren. Aus den vielfältigen Interessen, Funden und Obsessionen der Forennutzer entsteht so eine subjektive Auswahl mit dem Mut zur Lücke. Präsentiert und vorgestellt werden dieses Mal je maximal 3 Titel in den Rubriken: Neue Platten, Wiederveröffentlichungen, Bandcamp & Co., Lesestoff, Das bewegte Bild, Konzerttipps. Aktualität ist dabei zwar angestrebt, aber im Zeitalter des totalen Infozids einfach überhaupt kein letztgültiges Kriterium.

Neue Platten 

PESTE NOIRE – L'Ordure à l'état Pur
„Ein auf ganzer Linie mitreißendes Black Metal-Machwerk mit Mut zum Blick über den Tellerrand.“ (boyd)
„Machwerk“ – das markiert sehr gut das Collagierte, Montierte an der neuen Platte des französischen Black Metal -Projekts PESTE NOIRE. 

Louis-Ferdinand Céline im Jewelcase

Deren bekanntes Widerspiel von mittelalterlichen, melodiösen Passagen und dreckigem Schwarzmetall-Geknüppel, klarem Gesang und Famine’s Rotzstimme wird auf "L'Ordure à l'état Pur" erweitert durch elektronische Experimente und vermehrten Einsatz von Sample-Technik. Und so sehr Famine nationalistisch für ein imaginäres Frankreich rotzt, gröhlt und trällern lassen mag, so sehr verdankt sich seine musikalische Ausnahmeposition diesen Schnitten und Brüchen, auch wenn das Album an vielen Stellen kurz vor dem Auseinanderbrechen steht. Beim französischen poète maudit Céline hielten irgendwann nur noch die berühmten drei Pünktchen die Aufschüttung an Material, Ekel und Geschichte(n) zusammen, da ist es durchaus folgerichtig, dass sein Portrait im Inneren des Albums abgedruckt ist. „Jetzt schon ein heisser Anwärter auf das Album des Jahres 2011! Anspieltipps? Das ganze Album natürlich.“ (boyd)



PAUL ROLAND – Grimm
„I will return to nevermore, I must go back to nevermore…“ : Grimms Märchen bieten nicht nur Material für schlechte, neopuritanische Comics im High-Heels-Look und amerikanische Blockbuster-Movies. Auch der britische Musiker PAUL ROLAND greift auf seinem neu erschienen Album "Grimm" Geschichten und Märchen auf, die vom gleichnamigen Brüderpaar zusammengetragen und –gestellt wurden. Mit Freud und Poe geht es auf eine Reise durch die deutsche Märchenwelt, deren illustratives Pendant – die Zeichnungen Arthur Rackhams – denn auch das Artwork der Platte verzaubert. Genauso lieblich, verschroben, verführerisch und manchmal abgründig wie dessen Zeichnungen sind die von Rolands akustischem Gitarrenspiel und seiner eigentümlichen Stimme getragenen Songs. Unterstützt wird er dabei von den Stimmen seiner beiden Söhne Michael und Joshua, die immer wieder um neue Geschichten bitten sowie der stimmlich perfekt zum Material passenden Sängerin Rosie Eade. Wer mit "A Cabinet of Curiosities oder Happy Families" viel anfangen konnte, beide Minialben vielleicht sogar zu den gelungensten der Rolandschen Diskographie zählt, sollte hier keinen Fehlgriff befürchten und dem Album eine Chance geben. Zwar fehlt natürlich die barocke Instrumentierung und die Songs sind weniger quirlig ausgefallen, doch hat Roland die Atmosphären wunderbar gestaltet, dem Material eine oftmals schwebende Stimmung gegeben und eben jenen Tonfall getroffen der der Erinnerung an Märchen eigen ist. Für 13 Euro inkl. Versand kann "Grimm" bei Syborgmusic bestellt werden.



SOL INVICTUS – The cruelest Month
Nach Ewigkeiten ein Album von SOL INVICTUS. Und obwohl einzelne Songs wie "Bad Luck Bird" bereits bekannt waren, überraschen die dreizehn Nummern: SOL INVICTUS haben das Dissonante für sich entdeckt, eine perkussive und melodische Wucht, die sich dank eines außergewöhnlichen Mixings nie in eine Wall of Sound verwandelt, sondern die einzelnen Momente auseinander treten und doch zusammen klingen lässt. Was die einen kritisieren, stellt unserer Meinung nach das große Kapital des Albums dar. Nie wird "The cruelest Month" monumental oder pathetisch, sondern es bleibt melodiös, dissonant und fragil. Neben Wakeford, der als Sänger immer differenzierter zu werden scheint, setzt dabei Andrew King mit einigen längeren Traditionals wesentliche Akzente auf dem Album und sorgt für stimmliche Abwechslung. Es scheint, als ob Wakeford die Erfahrung, die er mit der Produktion des letzten ORCHESTRA NOIR  Albums "What if…" machte nun auch für SOL INVICTUS produktiv werden lässt. Eine gute Wahl, stellt "What if…" doch eines der Highlights des letzten Jahres dar.
"The cruelest Month" ist jedenfalls das beste und überzeugendste Album aus dem Umkreis der alten World Serpent Familie. Still und heimlich hat sich der klang- und songwritingtechnisch von seinen Weggefährten vielleicht konservativste Wakeford zum innovativsten und produktivsten des alten Triumvirats entwickelt .

Wer an elektronischeren Klängen Interesse hat, möchte vielleicht dem Projekt OWLS mit Wakeford, Bernocchi und Fornasari ein Ohr leihen: OWLS bei Facebook
 

Wiederveröffentlichungs-Special

VA – I don’t feel at home in this world anymore
Besondere Aufmerksamkeit möchten wir an dieser Stelle auf die schon länger erschienene phantastische Kompilation "I don’t feel at home in this world evermore" richten. Während durch die Globalisierung verängstigte Mittelschichten auf ideologische wie materielle Besitzstandwahrung zielen, haben sich Missisippi Records mit der Herausgabe dieses Samplers um die Geschichte der Diaspora, der Migranten und Immigranten verdient gemacht.
 Lars: „antike Migranten-Musik neben der Spur - herzzerreißend ...“
 Im Zwischenraum der Immigrantenkultur entstanden noch heute beeindruckende Aufnahmen, Dokumente des Nicht- oder Noch-Nicht-Angekommen-Seins in der neuen Welt. Wo die politische Wirklichkeit Grenzen setzt, erfindet das Sentiment Zonen der Sehnsucht, der Trauer, der Nostalgie. "I don’t feeld at home in this world anymore" macht diese Lieder wieder einem breiteren Publikum zugänglich. Eine Zeitreise mit Spuren bis in die Gegenwart.

Weiterführende Links: Viceland




Andere Wiederveröffentlichungen

DEATH IN JUNE: Nada Plus!
In Abwesenheit neuer Ideen bringt Douglas P. mal wieder eine Platte aus dem Backkatalog neu heraus. Diesmal an der Reihe: Nada! Zugegebenermaßen ein Klassiker, denn zu Nada!-Zeiten waren DEATH IN JUNE noch keine langweilige Neofolkband, sondern verbanden ihren Postpunk-Sound mit tanzbaren Dancefloor-Rhythmen. Ein heterogenes und gerade aus seiner Heterogenität Energie schöpfendes Album, jetzt neu zugänglich gemacht.
„Die Aufmachung ist wirklich schön: Klappcover, Prägedruck, schönes Artwork, ein paar Bonustracks. Die limitierte blaue Version ist dann noch in so einer Art silberner Plastikfolie eingeschweißt, die man extra aufschneiden muss, um an die Platte ranzukommen.“ (elling)
Für Vinyl-Liebhaber bleibt jedoch ein Wermutstropfen: „die Pressung (zumindest meine Kopie auf Blauem Vinyl) ist so dermaßen unter aller Sau...“ (elling again).

Weiterführende Links: DEATH IN JUNE

TELLUS 
Nicht unbedingt eine Wiederveröffentlichung im klassischen Sinne, aber dennoch: TELLUS war ein von 1983 bis 1993 existierendes Kassetten-Magazin für experimentelle Klangkunst. Jede Ausgabe widmete sich einem anderen Schwerpunkt.
Doch nicht nur High Brow Culture spielte eine Rolle, TELLUS-Ausgabe 13 widmete sich (seltsam genug) den Themen Power Electronics und Industrial. Teilnehmer waren u.a. MERZBOW, BLACKHOUSE, CONTROLLED BLEEDING, COUP DE GRÂCE und LE SYNDICAT.
Die inzwischen natürlich komplett vergriffenen TELLUS-Ausgaben sind inzwischen sämtlich auf UBU als Downloads verfügbar. TELLUS lädt auch noch im Jahr 2011 zu vielfältigen und überraschenden Entdeckungsreisen ein.

Weiterführende Links: Tellus Audio Cassette Magazine 




Bandcamp & Co.

MIND OVER MIRRORS
MIND OVER MIRRORS ragen aus den auf Bandcamp sich tonnenweise befindenden Bergen an öder und düdeliger Ambientmusik heraus. Nur auf einem Harmonium basierend, sind ihre Songs ein Anspieltipp für alle Fans von CURRENT 93s "Sleep has his house"-Album. Digitalisrecordings

RICHARD SKELTON – The complete landings
Noch einmal Ambient, vielschichtige Drones. Track 1 ist ein sich langsam steigender, epischer 40 Minuten Wälzer mit metallischer Background-Perkussion und Nebelhornsound. Auch die restlichen Nummern halten durchgängig das hohe Niveau von Sounddesign und Dramaturgie, manchmal an gute ECM Platten erinnernd.
Aeolian

MAZAKON TACTICS – Live
Live-Aufnahme des deutschen Death Industrial und Power Electronics Projekts MAZAKON TACTICS. “The artists played in an abandoned factory, later about 150 - 200 guests were there.” Vocals, Song-Dramaturgie und Sound stechen aus dem Durchschnitts-Krach einer oft langweiligen Szene durch Vehemenz und Differenziertheit heraus. Der Live-Mitschnitt ist ein offenes Ohr wert.
Chindogu


Lesestoff

Special Interests # 6
Mikko Aspa gilt einigen im Forum als Mann der Stunde. Wenn der Herr nicht gerade in mehreren, inhaltlich oft mehr als zweifelhaften Black Metal und Industrial/Power Electronics-Formationen aktiv ist, stemmt er nebenher einen Mailorder, mehrere Plattenlabels und betreibt das Zine Special Interests inkl. angeschlossenen Forum. In die dreckigen Fußspuren des Vorgängerheftes FREAK ANIMAL getreten, hat sich das Heft über die ersten 5 Nummern massiv entwickelt und bietet von Leif Eldgren bis hin zu Taint und Co. einen singulären Zugang zu unter-schiedlichen Formen „extremer“ elektronischer Musik mit eigenem Stil und eigener Haltung. Nummer 6 legt nun nochmal an Umfang zu, der dann auch gleich inhaltlich genutzt wird: so interviewt Aspa die belgischen Öko-Anarchisten Militia zu ihrer kompletten Diskographie, Boyd Rice kommt in einem Telefongespräch zu Wort und GX Jupitter-Larsen (THE HATERS) steuert einen Kassetten-Artikel bei.
Special Interests

The Slayer Mag Diaries 
Coffeetable-Culture für Schwarzmetaller und Nononpopper: ein persönlicher und zugleich historischer Rückblick auf 25 Jahre Metallerdasein. Dabei hat Slayer-Harausgeber Metallion nicht nur die Entwicklung von Thrash Metal, Death Metal und Black Metal als aufmerksamer Beobachter und Fan begleitet, er hat die Explosion des Norwegischen Black Metal als nächster Zeuge, Wegbegleiter von MAYHEM, BURZUM etc. miterlebt und in seinem Heft reflektiert. Inkl. „Linernotes“ des Herausgebers und vielen, vielen Slayer-Mag Faksimiles, stellt The Slayer Mag Diaries eine Liebeserklärung an und auch einen Abschied vom metallischen Untergrund dar. Angesichts des massiven, 700+ Seiten umfassenden Bandes im perfekt designten Hardcover stellt dabei der Preis von circa 25 Euro einen Witz dar. Interviewtechniken und Layout bieten mal einen Rückblick in pubertäre Magnifizienz, mal Einblick in fortgeschrittene Könnerschaft. Essentiell und oft auch berührend. Oder mit Metallion gesagt: HELL YEZZZZZZ!





Das bewegte Bild

Iconoclast
Larry Wessels longgoing project DER ultimativen Boyd Rice Dokumentation hat ihren Abschluss gefunden und die Community hat es mit Zustimmung quittiert. „Mal ganz privat auf dem heimischen Sofa oder beim Schnupftabak-Kauf. […] Dürfte schwierig werden noch ein Exemplar der Box zu ergattern, aber es lohnt.“ (boyd) Was "Mr. Total War" so treibt wenn er nicht gerade Platten aufnimmt, Bilder malt oder Bücher schreibt, zeigt die 4 stündige DVD in allem Glanz und aller Glorie.



Mario Bava - Maestro of the Macabre 
Beim Stichwort (haha) Giallo denkt normalerweise jeder an Dario Argento. Die Dokumentation „Mario Bava – Maestro oft he Macabre“ aus dem Jahr 2000 bringt dem interessierten Cineasten einen anderen italienischen Meisterschlitzer nahe. Horizonterweiterung in Sachen Kino.



People Who Do Noise
Eigentlich ein selbsterklärender Titel: Interviews und live Material mit Aktivisten der Noiseszene Portlands. U.a. von Smegma, Daniel Menche Oscillating Innards und vielen anderen. Reinschauen lohnt sich allemal.



Konzertankündigungen

BLOOD AXIS
Für viele, denen der "SiA" lieb und teuer geworden ist, sicher ein Highlight: BLOOD AXIS geben gemeinsam mit ANDREW KING und BARDITUS am 20.08.2011 ihr einziges Deutschlandkonzert im Rahmen einer kurzen Tour. Ein bisschen müde Diskussionen gab es im Vorfeld auch. Theaterfabrik Leipzig


Tower Transmissions I
Am 17. September präsentiert Tower Transmissions in Dresden zum ersten Mal in Deutschland die kultige britische Power Electronics Formation RAMLEH sowie nach langer Zeit wieder einmal Philip Best mit seinem  Projekt CONSUMER ELECTRONICS. Eine Handvoll weiterer Gruppen rundet das Programm ab.
Tower Transmissions



BURIAL HEX, Sudden Infant
Die Necro-Ambient Vorkämpfer BURIAL HEX spielen mit den geistig immer ein wenig verworren wirkenden Sudden Infant am 3. November im Neukölner NK. Mehr Infos zu NK hier.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Musik als Waffe

Relativ aktuelle, sehenswerte Arte-Dokumentation von 2010

"Ob preußischer Marsch, afrikanischer Kriegstanz oder ohrenbetäubende Heavy-Metal-Musik - seit es Krieg gibt, wird er von Musik begleitet: Klänge und Rhythmen sollen Kämpfer in einen Blutrausch versetzen oder Gegner zermürben. Letzteres schafft sogar ein niedliches Kinderlied, wenn es in einer Endlosschleife und entsprechend laut gespielt wird. Als Christopher Cerf, Komponist von über 200 Liedern für die Kindersendung "Sesamstraße" davon erfährt, ist er fassungslos. Gemeinsam mit Filmemacher Tristan Chytroschek will er vor Ort erfahren, was seine Lieder und andere Musik mit Gewalt, Folter und Tod zu tun haben." (Auszug aus dem Pressetext)

 
Kinderlieder & Crossover zwischen 
Stacheldraht & Pritsche.


 
Die fleissigen PSYOPS zeigen dem Vietcong,
was "psychedelische Tonkunst" bedeutet.


 
Vom Vor- oder Nachteil zwischen Metallica und 
Marilyn Manson unterscheiden zu können ...


 
Die Technik wird immer ausgefeilter -
die Nachfrage ist gestiegen ...

Montag, 13. Juni 2011

CUT HANDS - AFRO NOISE I

Afrika muss das erste Wort lauten. Afrika ist hier in jedem Zusammenhang das Schlüsselwort. Rein faktisch: Dieses vorwiegend sehr perkussiv orientierte Album wurde (u.a.) mit einer Vielzahl von afrikanischen Instrumenten eingespielt; der Macher William Bennett verbindet konkrete, afrikanische Bilder und Ereignisse mit der Musik; die Song-Titel sind voll der Namen und Referenzen; und überhaupt, was wollen wir lange drum herum reden: kann es noch eindeutiger werden als "Afro-Noise"?

In dem Projekt CUT HANDS kulminiert also das nahezu obsessive Interesse für Afrika, mit dem Bennett seit über einem Jahrzehnt seine Vita schmückt wie andere den heimischen Eingangsbereich mit einem zum Schirmständer umfunktionierten Elefantenfuss. Hartnäckig hält sich das Gerücht, er hätte die mutmaßliche Kompilation “Extreme Music From Africa” 1997 nicht nur zusammengestellt und auf seinem Label, Susan Lawly, herausgebracht.
Compilation oder Hoax?
Vielmehr soll er das Album auch selbst eingespielt haben, zumindest teilweise. Natürlich kann hier auch die weltgrösste Datenbank discogs.com nicht wirklich weiterhelfen (Stichwort: Awesome Tapes from Africa). Unter den Millionen von Discogs-Einträgen finden sich für jeden EMFA-Interpreten bis auf einen keine andere Veröffentlichungen, nur die besagte Compilation. Nun soll es angeblich Menschen geben, die Menschen kennen, ... Wer will’s wissen? Dennoch ist festzuhalten, dass “Extreme Music from Africa” etwas anderes ist als Afro-Noise, und umgekehrt; Bennett besteht darauf, dass er mit CUT HANDS keine afrikanische Musik macht - vielmehr handelt es sich eben um Afro-Noise, und der besteht nach seiner Definition aus “obscure African percussion elements in free-form work-outs with almost any other type of (genuine) sound experimenting.”

Zur Jahrtausendwende folgten bereits erste Aktivitäten unter dem Namen CUT HANDS - hier mal ein DJ-Auftritt, dort mal ein Track oder ein fulminater Mix. Bevor Bennett jedoch nach achtjahrelanger Arbeit und diversen Drum-Workshops Ende Mai 2011 endlich ein Album unter dem Namen veröffentlichen sollte, schüttete er als Chef der englischen Power Electronics-Pioniere WHITEHOUSE mit den CUT HANDS-Tracks “Munkisi Munkondi” und “Bia Mintatu” auf den letzten Whitehouse-Alben “Bird Seed”(2003) und “Racket”(2007) noch mal ein paar Gallonen Öl ins Feuer. Giftig verrauchte Appetithäppchen, die Lust auf mehr machten. Auf “Bird Seed” warnt zusätzlich ein Songtitel: “Cut Hands Has the Solution”. Mehr geht nicht. Lösungen wollen wir alle. Es müssen ja nicht immer finale sein ...

Auch ohne das alles verfolgt zu haben, erschließt sich das schreckliche Faszinosum dieses Projekts ziemlich schnell. Ein Bandname wie CUT HANDS gibt im Beiklang konkretere Bilder vor. Es sind nicht die Afrikabilder mit den lustigen Farben und den lachenden Negern. Auch nicht die hungernden Babies. Und natürlich auch nicht der “Edle Wilde” wie ihn die Riefenstahl fotografiert hat, wo kämen wir denn auch dahin. Wenn das Afrika von CUT HANDS die Wiege der Menschheit ist, tobt gerade ein besonders fieser, fleischfressender Virus über die Wöchnerinnenstationen. Kein schöner Anblick.

The Lords resistance Audio
Während Stefan Danielsson in seinen kunstvollen Collagen für WHITEHOUSE den afrikanischen Horror mit einem nostalgischen Voodoo-Sepiaschleier abtönt und schon qua Technik Post-Kolonialismus mit den Dämpfen aus der Uhu-Tube eingesogen hat, erweckt der “Vice-Guide to Liberia” mit einigen CUT HANDS-Tracks im Soundtrack erschreckend aktuelle Bilder von Ungeheuerlichkeiten zwischen Kannibalismus und Genozid. Dieser vorbehaltlos sehenswerte, knapp einstündige Doku-Thriller ist eine Mischung aus Heart of Darkness/Hearts Of Darkness (dem Roman und der Doku ), "Cannibal Holocaust" und "Africa Addio" ohne den Trash-Faktor. Initialzündung war ein Text über Sierra Leone, den Bennett für das englische BIZZARE-Magazin geschrieben hatte als dort der jetzige Vice-Mitarbeiter und Filmemacher Andy Capper noch als Redakteur tätig war.

Kiss of the butterfly, Liberian-Style
Die Bilder aus Liberia, die uns der Film wie Narben in die Erinnerung treibt, verraten mehr über die Musik als jedes Wort. Das ist auch mehr als Exploitation, Splatter-Exotismus oder Mondo in einer Pervertierung des Camp-Gedankens. Wie antwortet der Sohn so schön in Robert Longos Video für “Peace Sells But Who’s Buying” auf die Aufforderung seines Vaters, den Scheiss aus- und die Nachrichten einzuschalten: "This IS the news!" Fairerweise sei hinzugefügt, dass man das mit demselben Recht und einer unterschiedlichen Perspektive auch anders sehen und verstehen kann.

Wie Power Electronics muss Afro-Noise vorzugsweise in ohrenschädigender Lautstärke gehört werden. Das ist ein Klischee, es zu betonen ist ein Klischee aber während es unter Umständen noch möglich wäre, über die Qualitäten von ambientös leisen Power Electronics zu diskutieren, erübrigt sich das zumindest für den Afro-Noise auf CUT HANDS. In einem Interview, das Bennett für die, Überraschung!, Vice gegeben hat, versucht er seinem Gegenüber, Überraschung!, Andy Capper die Wirkung der Musik zu vermitteln: “First you feel a tingling sensation, followed by palpitations, and finally, frothing at the mouth. Actually, I’m not making that up. At industrial-strength volumes this stuff will take you over. My own unproven theory is that the brain, usually so adept at recognising musical patterns, can’t keep up with the increasingly complex polyrhythms. You run out of body parts to move and then it invades your mind and creates an altered state.”

Ja-nö, jetzt nicht gerade exakt “altered states”, kann man nicht behaupten. Oder doch. Wir probieren es noch mal:

1. Welcome To The Feast Of Trumpets
Etwas handlahmes Geklopfe, dazu eine Art entschärftes Kreissägen-Inferno und ein paar moody Flächen. Mit gut 2 Minuten eher eine Intro - wie der Rest des Albums “handgespielt” - no loops, no sequencer, no samples ...

2. Stabbers Conspiracy
Das Dingeln setzt ein und nimmt zusammen mit dem Geklopfe Fahrt auf - erinnert stellenweise an den etwas aggressiveren Gamelan wie man ihn aus Bali kennt - so hätte der von Eckart Rahn 98er im Aladdin Pachinko Parlour, Shinjuku, Tokyo, aufgenommenen Field Recording/Noise-Klassiker “Pachinko In Your Head” gern klingen dürfen ...

3. Rain Washes Over Chaff
Regen auf dem Blechdach. Dunkel dräuende Akzente, die aus unerklärlichen Gründen manchmal, das wird dem William bestimmt nicht recht sein, an RAMLEH erinnern, die Stimmung legt mit THROBBING GRISTLE sicherlich ähnlich ungewollte Referenzen nahe ... Erstaunlich zahm, ein geheimer Hit ...

4. Nzambi Ia Lufua
Bei Zimmerlautsärke: Müdes Gefiepe und Gedöhns. Bei Flugzeughanger-Lautstärke: Intensiver, stechend nervender als 90% der VÖs von Merzbow - wie hiessen noch mal die (Post)Industrial-Quälgeister mit diesen schrillen Frequenzen, DOMINATOR? Egal, so ähnlich nur noch nerviger ...

5. Who No Know Go Knows
Beginnt verstolpert, entwickelt sich aber rhythmisch zum Ohrwurm - wenn man William weiter nerven will, kann man jetzt getrost damit anfangen, die frühen 23 SKIDOO herbeizuschreiben ...

6. ++++ (Four Crosses)
Kosmisches Synthie-Genudel. Das Weltall als Diaspora. Space is the place.

7. Backlash
Leider mit 1.54 min viel zu kurzes, klöppelndes Delay-Drama mit silbrig schimmernden Texturen. Kann man auf Repeat insbesondere mit der Funktion “Titel überblenden” (Indealwert: 6 Sekunden) fantastisch den ganzen Tag als Dauerloop hören. No Loops? Eat dis, William!

8. Shut Up And Bleed
Schrillofant! Von Altered States immer noch keine Spur, dafür klingeln die Ohren (mit). Im Hintergrund versucht Bryn noch mal die Poly-Rhythmik à la MUSLIMGAUZE zu veranschaulichen, aber Bennett hört ja wieder nicht ...

9. Munkisi Munkondi
Der Unterschied zur WHITEHOUSE-Version ist etwas für echte “Expert Knob Twiddler”- als neue Version eher unnötig, die Vocal-Spur bleibt dennoch die Macht!

10. Impassion
When The Gospel Comes To ... Liberia? Sehr schön und irgendwie, nahezu *hüstel* virtuos? Könnte als RMX in den Händen von tollkühnen DJs gleichzeitig aufrütteln und sedieren, das wäre doch auch mal eine interessante Droge, der Speedball für die Ketamin-Massive ...

11. Ezili Freda
Mambo Ezili Freda Daome aka Maîtresse Mambo Erzulie Fréda Dahomey ist den Anhängern des haitianischen Vodou, was die Geheiligte Jungfrau Maria als Schmerzensmutter (Mater Dolorosa) den Katholen ist. Dafür klingt der Track relativ amorph, man könnte schwören, eine Drumbox zu hören und zum Schluß gibt es noch ein paar käsige Preset-Geräusche wie aus der Laserkanone - seltsam.

12. Bia Mintatu
Durchdachter, dynamischer Track mit interessanten Steigerungen, gerade in der Mitte, wenn es voller wird - aber die minimal brutalere WHITEHOUSE-Version hätte auch gereicht.

13. Rain Washes Over Every Thing
Kleine Endmeditation ohne Percussion - verbreitet noch etwas dystopische, vage ungemütliche Stimmung zum schnellen Abschied.

Fazit
Mit insgesamt 50 Minuten Spielzeit und angesichts der beiden bereits veröffentlichten Songs ist das Album etwas kurz und im Vergleich mit dem o.g. Mix etwas harmlos - umso gespannter darf man auf das folgende Material sein, vorausgesetzt Bennett lässt uns nicht wieder so lange warten.

Die CD "Afro Noise I" von CUT HANDS ist am 23.Mai 2011 auf Susan Lawly erschienen, eine Vinyl-Version soll in Kürze folgen.

Sonntag, 29. Mai 2011

XIU XIU – Pathosformeln aus der Kampfzone

Sieben Versuche einer Annäherung

Hype/Öffnung
Irgendwo im Niemandsland zwischen verschüttetem NewWave-Pessimismus, nervösen Beats, harschem Noise und intimem LoFi Singer-Songwritertum existieren die Songs JAMIE STEWARTs und seiner MitstreiterInnen.
Nachdem sein Vorgängerprojekt TEN IN THE SWEAR JAR das Zeitliche gesegnet hatte, entstand im Jahr 2000 dieses seltsame Ungetüm, diese Wunschmaschine namens XIU XIU. Benannt wurde sie nach "Xiu Xiu: The Sent-Down Girl", einem chinesischen Film, welcher ganz bestimmt sehr traurig, sehr trist und sehr schön ist. Ganz kurz gesagt, geht es in diesem um eine in der chinesischen Provinz zur Zeit der Kulturrevolution gestrandete junge Frau, ihre Liebe und den Missbrauch, welchem sie ausgesetzt ist. Vielleicht ist der Film auch nicht schön, sondern einfach nur realistisch, was die Vergegenwärtigung von Verzweiflung im den Zeichen des ländlichen Melodramas angeht.

Die zweite Inkarnation des traurigen jungen Mädchens erfolgt freilich in einem gänzlich anderen Milieu. Ihre Musik besetzt einen sperrigen Raum, geprägt von harmonischem 80er Jahre Pop, rauschenden Industrial-Anleihen, dissonantem Ambient und emphatischem Indierock, welcher affektiv wie ein Kammerorchester und abstrakt wie ein Abend serieller Musik funktionieren kann, während er jederzeit auf zweifelsfreie Art urban ist.
In den sieben Jahren ihres Bestehens hat die Band exakt fünf reguläre Alben veröffentlicht, weiterhin eine Live-LP, viele Singles und einige kürzere, wie auch längere, Zusammenarbeiten mit illustren Künstlern wie MARISSA NADLER, DEVANDRA BANHART, GROUPER oder LARSEN "verbrochen". Man sieht: Sammler kommen hier auf ihre Kosten.

Dabei existiert eine fühlbare Differenz zwischen der Blog-Hype-Euphorie, mit welcher jede ihrer Platten erwartet und hochgejubelt wird, und der ganz konkreten relativen Unbekanntheit der Band. Beinahe zeitgleich stellt sich natürlich die Frage: ist das wirklich so gut? Just remember Mediengruppe Telekommander: „Vorsicht, ein Trend geht um“. Aber da es ja auch ein Trend ist, gegen den Trend zu sein, wollen wir uns in die Höhle des Löwen begeben und zuhören.

Alles kann zusammenstürzen

In XIU XIU’s Welt erhält ein minimalistisch, straigther Popsong wie "The Fox & The Rabbit" genau so viel Kredit wie das experimentell, verzerrte "Saturn": da kann alles in ein oder in einem Lied zusammenstürzen. So folgt in "Bishop, CA" auf die skeptisch-hingebungsvolle Zeile „crying for the stupid world we share“ ein entrückter, verhallter Refrain, nur um wieder in perkussiver, orchestraler Dissonanz sein jähes Ende zu finden.
Und dann gibt es ja nicht nur das inzwischen „jährliche“ neue Album, sondern, wie bereits erwähnt, auch eine Vielzahl musikalischer Zusammenarbeiten, mal ins Epische ausgreifend, wie auf "Spicchiology", welches elegisch entrückt Schönheit zelebriert, mal gothisch-abstrakt wie auf "Creepshow", dessen Tracks sich schließlich in passiver Atonalität verlieren.

Songpolitik und Veröffentlichungsfülle legen es bereits nahe: Die Strategie der Künstler ist weder dialektisch noch katastrophal, sie ist (Beinahe? Ohnmächtig? Notwendig?) hysterisch, pathetisch. Und genau dies schützt sie davor in affektierten, postmodernen Eklektizismus abzudriften. Auf XIU XIU-Platten kommt der Begriff "Cut-up" zu seinem eigentlichen Recht – cut up – das muss man ganz wörtlich nehmen, und schon verflüchtigt sich das Phantom der Beliebigkeit. Das Moment des Expliziten – politisch, sexuell, lyrisch musikalisch – widerspricht dem laxen Gestus des "alles halb so wild".
Ein Liedtext wie "Saturn" – in dem die Penetration des US Präsidenten lyrisch imaginiert wird – ist ein solcher Text sexuell oder politisch, ernst gemeint oder ein Scherz? Oder alles zugleich?

George, when it comes to bedtime
my sweetness will not go to waste
i will shoot this arrow right up anus and
you’ll taste what we taste,
i will stab it right through the bottom of your mouth
you’ll taste what we taste
what you make them taste


Zunächst einmal stellt er eine Sexualisierung des Politischen dar, anstelle einer konservativen (ideologischen, weil uneingestandenen, heterosexuell-normierten) Politisierung der Sexualität. Sicher, es muss sich um eine Übertreibung handeln, aber was ist das Spezifische dieser Übertreibung? Vielleicht kann hier nur eine versuchsweise Antwort richtig sein: diese Politik der Privatisierung erinnert am ehesten noch an RAINER WERNER FASSBINDERs Beiträge zu "Deutschland im Herbst", mit ihrer inszenierten und doch schonungslos privaten (und hier wäre zu fragen: schamlosen?) Reaktion gegenüber Terror und Gegenterror im Nachkriegsdeutschland des Jahres 1977.

Erlösung revisited
Wie unpassend: Das Cover des letzten regulären XIU XIU-Albums präsentiert eine klassische ECCE HOMO- Figur. Ein dornengekrönter Gottessohn schaut aus blutenden Augen den Betrachter frontal an: "Sehet, welch ein Mensch". Dabei gilt doch: An nichts denkt man bei diesem musikalischen Selbsterfahrungstrip weniger als an Erlösung oder ein entsühnendes Opfer.

Und dennoch ist in dieser Musik etwas, das ihre Hörer scheinbar nicht verwüstet zurücklässt.
Da leuchtet immer wieder etwas, denn diese Musik ist ein Versprechen und das Dornenhaupt Christi macht dies umso mehr bewusst, je weiter sich die Musik von einer Erlösung im schönen Schein entfernt. Frei nach LEONARD COHEN:

There is a crack in everything
That’s how the light gets in


Ganz konkret bedeutet dies: "The Air Force" ist kein erbauliches Werk und gerade das lässt hoffen. Auf ihm liegt eine gewisse Anzahl von Strategien und Herangehensweisen in komprimierter Form vor - verletzliche, manchmal schwer groovende Disharmonie in theatralischer Überhöhung: Schönheit mit Wunden, nicht Narben.

Musik und Glück
Populäre Musik verspricht etwas, das eigentlich jeden angehen sollte: Glück - und wenn auch nur für einige Minuten oder einen Abend. Dabei handelt es sich um einen genuin, demokratisch-naiven Anspruch, welcher erstaunlich langlebig zu sein scheint. Denn die Tanzfläche war zwar schon für die Postpunker von GANG OF FOUR der Ort, an dem das kulturindustrielle Kapital seinen Profit machte, dennoch mochten gerade diese Herren nicht auf Tanz oder Ekstase verzichten.

Womit wir konkret bei den Versprechungen der Popkultur angekommen wären, die auch für JAMIE STEWART eine entscheidende Rolle spielen oder spielen müssten: Gefühle, Euphorie, Liebe. Ein ganzer Haufen großer Begriffe, die man eigentlich zu kennen glaubt, die sich aber untergründig als unbekannt, da allzu bekannt erweisen. Popmusik trägt derweil nicht zu ihrer Klärung bei, präsentiert sie diese doch stets ordentlich sortiert nach Genres, in Dosen verpackt, in Formen gepresst mit denen leicht umzugehen ist.

Das dabei etwas auf der Strecke bleibt, ist bereits auf den zweiten Blick zu erkennen. Hier geht es um die Distribution und Kommunikation konsumierbarer Affekte und damit beginnt auch bereits das Problem: die Intensität der Gefühle, die Authentizität nach der verlangt wird und welche Popmusik befriedigen soll, widerspricht ihrem inneren Organisationsprinzip. Wenn Authentizität und Affekt zum Zeichen ihrer Selbst werden, ist etwas verloren gegangen, das vielleicht nicht so leicht zurück zu gewinnen ist – Popmusik ist dann nicht mehr unschuldig, vielmehr, sie war es nie.

Und dennoch: auf einem Album wie "Fabulous Muscles" finden sich Lieder, welche Dancefloor, Hyme und musikalische Dissidenz auf das intensivste miteinander verbindend, so etwas wie ein reales, wenn auch traumatisches Glück mitteilen. Kellerclubmusik für eine bessere Welt ohne falsche Hoffnungen.
Hier schafft es der slow-motion-lastige Tanzflächenkracher "I luv the vally OH!" sich zwischen Indiehit und Schrei in den Hörgängen festzusetzen, dort entwickelt "Crank heart" beinahe eine gewisse Manchester-Virilität. Und dann versinkt dieses Meisterwerk in atonalen Schleifen, verfremdet anmutender Perkussion und Klaviermelodieresten.

Die Melancholie des Pop
Es ist Songs XIU XIUs, allen voran denjenigen des Albums "La Forêt", anzumerken was es kostet, festzuhalten: Beziehungen, Gefühle, Momente, Widerstand. Unterdessen mischt sich, beinahe unbemerkt, ein Tonfall der Bedrohung unter die Songs. Militärische Snares, Metallkratzen, verhallte Drumcomputer und schwer-wavige Gitarrenarbeit tauchen das Album in ein schmutziges Grau. Stellenweise verschwindet der Gesang im hellen Dröhnen, geradezu ambientlastiger Passagen. Und es stellt sich das Gefühl ein, hier im "Zitat" etwas Besonderem das Ohr zu leihen, einer originären Sprache zuzuhören, keiner Form aus zweiter oder dritter Hand, sondern einer Art Stottern, welche weniger ein Plagiat, als vielmehr ein originäres Sprechen darstellt.

Paradigmatisch brachten wohl TON STEINE SCHERBEN die Angst vor den toten Pathosformeln des Ausdrucks und ihrem Verrat am Gefühl im Booklet von "Keine Macht für Niemand" zum Ausdruck: "Wie kann ich noch sagen: ‚Ich liebe dich!’ Nachdem ich gehört habe: ‚Autos lieben Shell!’?"
Und vielleicht ist hier der Punkt, von dem aus sich die Melancholie des Pop, sein notwendiger Selbstzweifel an der eigenen Ausdruckskraft erhellt. Wo selbst die Sprache der Liebe, den Sprechenden als entfremdete und objektivierte entzogen wird, dort wendet sich das Subjekt des Begehrens angeekelt ab. Und welches Subjekt wäre tiefer in Musik versponnen, als eben jenes?
All dies findet sich, wenn auch gebrochen, in der Arbeit XIU XIU´s: Das Misstrauen gegen die Formen bei gleichzeitiger Bejahung derselben, die Sprache der Liebe bei gleichzeitiger Konterkarierung des sentimentalischen weißen Liebesliedes durch explizite Artikulation sexueller Differenz. Der Widerspruch wird Prinzip der Erfahrung.

Pathos und Hysterie
Augenfällig herrscht im Werk JAMIE STEWARTs eine gewisse Exaltiertheit vor.XIU XIU sind zugleich hyperaktiv-hysterisch in der Instrumentierung, wenn sie Electro-Schnipsel, Drones, Lo-Fi Akustikgitarren oder Schrammelpop zusammenzerren, und auf perfide Weise pathetisch. Gleiches gilt für den Gesang, die Stimme.
In der Konsequenz vergreift man sich manchmal im Sekundentakt an den großen Popvokabularen der Liebe, des Schmerzes und der Politik, sowie ihrem guten Ton, indem all dies theatralisch-hysterisch aufgeladen wird.
Wenn uns der Ausdruck die Intensität des Gefühls nimmt, welches er zu artikulieren verspricht, dann zeigt sich vielleicht in seiner Selbstdestruktion, im pathologischen, distanzlosen „Zuviel“, die nackte Haut des Liedes.
Wenn die Formen bersten, rinnt Schönheit als Rau- oder Rohheit durch. Diese Schönheit ist konkret und blutig, wie mancher der Texte, ein Logbuch sexueller, existentieller, politischer und ästhetischer Differenz.

Welcome to the pleasuredome…
Brandhell ist diese Musik und so ist es kein Wunder, daß man auch eine JOY DIVISION / NEW ORDER- Coverversion im Oeuvre der Band finden kann. Auf "Chapel of the Chimes" gibt es eine krächzende Aneignung des Klassikers Ceremony:

Oh, I’ll break them down, no mercy shown,
Heaven knows, its got to be this time,
Watching her, these things she said,
The times she cried,
Too frail to wake this time.

Oh, Ill break them down, no mercy shown,
Heaven knows, its got to be this time,
Avenues all lined with trees,
Picture me and then you start watching,
Watching forever, forever,
Watching love grow, forever,
Letting me know, forever.


Im agonalen Pop XIU XIU´s bleibt von dem Ungenügen am Pop der Schmerz, von seinem Versprechen die Verzweiflung, während sie zugleich uneingelöst vergegenwärtigt bleiben. Trotz oder gerade wegen Jesus auf dem noch aktuellen Cover - profane Musik. Zugegeben: kein Ende, ein Anfang.




XIU XIU mit ihrem Song "I Luv The Valley Oh!" aus dem Album "Fabulous Muscles" (2004).

Willkommen

Für jedes Ja ein Nein!
Willkommen auf unserem NONONPOP-Blog! Wir sind eine Handvoll Schreiber, die sich für Kuriositäten jenseits des Gewöhnlichen interessieren. (Er)kenntnisse, die viele womöglich als seltsam empfinden mögen, bedeuten uns – und vielleicht auch Euch – sehr viel und prägen einen Teil unserer alltäglichen Wahrnehmung.
Schritt für Schritt soll sich dieses Blog mit Inspirierendem zu Musik, Literatur, Kunst und Kultur füllen. Dafür schreiben wir als querdenkendes Kollektiv, zu dem jeder seine persönlichen Ansichten beiträgt. Wir suchen das Abseitige hinter den Klängen, das Skurrile hinter dem Okkulten, das Verborgene hinter dem Offensichtlichen – subjektiv, unverfälscht und manchmal auch am Rande des politisch Korrekten. 

G E T  U S E D  T O  S A Y I N G   N O !